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Radfahrer bewegen sich nicht in rechtsfreiem Raum PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: HTZ   
Freitag, den 01. September 2006 um 09:00 Uhr

Eine Frau befährt einen Rad- und Fußweg in die falsche Richtung. Ihr Weg führt sie durch eine Unterführung. Dort kommt ihr ein Briefträger mit einem voll beladenen Fahrrad entgegen. Der Mann fährt ziemlich schnell und unaufmerksam und bemerkt die „Geisterfahrerin" deshalb zu spät. Er kann nicht mehr rechtzeitig bremsen und stößt mit ihr zusammen. Der Briefträger erleidet dabei eine komplizierte Armfraktur. Ein Ausnahmefall? Dass Fahrradfahrer die Verkehrsregeln ignorieren, so teilt die Verkehrswacht Hockenheim mit, ist leider keine Seltenheit, sondern immer häufiger zu beobachten.

Auch beim Ordnungsamt der Stadt häufen sich die Beschwerden über rücksichtslose Radfahrer. „Dabei gefährden sie sich in allererster Linie selbst“, so der Verkehrswachtvorsitzende Rudolf Berger, der darauf hinweist, dass gerade das Beachten der Vorfahrtsregel für Fahrradfahrer ein „Muss“ ist und dass es sogar besser ist, manchmal auf sein Vorfahrtsrecht zu verzichten, wenn man den Eindruck hat, dass ein motorisierter Fahrer das Vorfahrtsrecht des Radfahrers schlicht übersieht. „Leider sind Erwachsene und erstaunlicherweise da gerade „die älteren Semester“ die schlechtesten Beispiele“ wundert sich der 1. Vorsitzende.

Die Einbahnstraße in die verkehrte Richtung zu fahren, ist für manche eine Selbstverständlichkeit. Dass man damit an einer Kreuzung mit einem querenden PKW oder LKW seine Gesundheit oder sogar sein Leben riskiert, ist den wenigsten bewusst. Auch hier sprechen nämlich die Zahlen eine deutliche Sprache: In der vor kurzem veröffentlichten Unfallstatistik des deutschen Verkehrssicherheitsrats wird hervorgehoben, dass ältere Menschen im letzten Jahr zwar weniger als Fußgänger (- 15%) oder als Pkw-Insassen (- 4,7%) ihr Leben ließen, wohl aber die Zahl der getöteten Radfahrer über 65 Jahre um mehr als ein Viertel zugenommen hat. Der Anteil der bei Fahrradunfällen verunglückten Senioren betrug 14%. Fast jeder zweite Getötete auf dem Fahrrad (49%) war älter als 65 Jahre. Für Fahrradfahrer gibt es deshalb gute Gründe, sich an die Verkehrsregeln zu halten.

Klaus Transier, Vorstandsmitglied der Verkehrswacht und als Leiter des Schwetzinger Ordnungsamts mit Bußgeldangelegenheiten beruflich befasst, verweist auf die wenig bekannte Tatsache, dass auch Fahrradfahrer mit einem eigens für diese bestimmten Bußgeldkatalog kräftig zur Kasse gebeten werden können. „Das Missachten einer roten Ampel kann bis 125 € kosten“, so der Chef der Bußgeldbehörde. Wer volltrunken auf dem Fahrrad erwischt wird, riskiert nicht nur ein behördlich angeordnetes Radfahrverbot.

Manfred Krampfert, Revierleiter des Hockenheimer Polizeireviers und ebenfalls Vorstandsmitglied der Verkehrswacht, warnt: „Dem Betroffenen kann die Fahrerlaubnis entzogen und eine medizinisch-psychologische Untersuchung angeordnet werden“. Ein weiterer Hinweis der Verkehrswacht: So wie Kraftfahrer auf Fahrradfahrer Rücksicht zu nehmen haben - etwa durch ausreichenden Sicherheitsabstand beim Überholen - gilt dasselbe für Fahrradfahrer gegenüber Fußgängern. Denn auch diese beiden „Gattungen“ kommen infolge neuerer städtebaulicher Wege- und Straßenführung immer öfter auf Tuchfühlung. Auf kombinierten Rad- und Fußwegen zum Beispiel müssen Fahrradfahrer besondere Rücksicht auf Fußgänger nehmen. Insbesondere bei unklarer Verkehrslage muss der Radfahrer mit dem Fußgänger Blickkontakt zur Verständigung aufnehmen. Nähert sich der Fahrradfahrer von hinten, so sollte er in ausreichendem Abstand ein Klingelzeichen geben.

Die Radfahrgeschwindigkeit ist grundsätzlich so zu reduzieren, dass sofort gefahrlos angehalten werden kann. Dabei muss der Radfahrer stets mit Unaufmerksamkeiten oder Schreckreaktionen des Fußgängers rechnen. Mit dieser Begründung hat das Oberlandesgericht in Oldenburg einer Radfahrerin nach einem Unfall mit einem Fußgänger Schadenersatz und Schmerzensgeld verweigert (OLG Oldenburg, Az. 8 U 19/04/04, NJW-RR 2004, 890).

Auch bei dem oben geschilderten Fall, der sich tatsächlich ereignete, trug die „Geisterfahrerin“ den überwiegenden Teil des Schadens: Da sie verbotswidrig fuhr, hatte sie zwei Drittel des dem Briefträgers entstandenen Schadens einschließlich des Schmerzensgeldes zu tragen, so die Richter (OLG Celle, 14 U 149/01).

Später verlangte er von der Unfallgegnerin Schadensersatz. Die weigerte sich zu zahlen und vertrat den Standpunkt, der Mann sei mit zu hoher Geschwindigkeit gefahren und habe nicht richtig aufgepasst. Deshalb sei er für den Unfall mitverantwortlich.

Wer einen Radweg in der falschen Richtung befährt und dabei mit einem anderen Radfahrer zusammenstößt, muss selbst für zwei Drittel der Unfallfolgen haften, wenn der Entgegenkommende zu schnell und unaufmerksam gefahren ist, so ein Urteil des OLG Celle (Az.: 14 U 149/01).

Das OLG Celle entschied: Die Radfahrerin habe den Unfall verschuldet, weil sie den Radweg in falscher Richtung befuhr. Den Briefträger treffe an dem Zusammenstoß aber eine Mitschuld. Er sei mit seinem voll beladenen Postfahrrad zu schnell und zu unaufmerksam in die Unterführung hinein gefahren. Der Mann hätte auf den etwaigen Gegenverkehr oder Fußgänger achten und vorsichtiger fahren müssen, so die Richter. Gerade mit einem voll bepackten Postfahrrad, das breiter, schwerer und weniger wendig sei als normale Räder, könne man auf plötzlich auftauchende Hindernisse nicht so schnell reagieren und müsse deshalb entsprechend langsamer fahren.

Allerdings wiege die Schuld des Postbeamten nicht so schwer wie die der Frau. Grundsätzlich müsse bei einem Unfall zwischen zwei Radfahrern derjenige den höheren Haftungsanteil tragen, der den Radweg verbotswidrig benutze.

Im vorliegenden Fall sei zudem zu berücksichtigen, dass die Frau ihre "Geisterfahrt" in einer engen Unterführung unternahm, in der es keinerlei Ausweichmöglichkeiten gab. Das Gericht entschied, dass die Radfahrerin für zwei Drittel des Unfallschadens aufzukommen habe. Ein Drittel müsse der Verletzte selbst tragen.