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Rauscherlebnis für Frustrierte PDF Drucken E-Mail

Das Kreischen der Reifen und der Sound der Hupe ist die Musik der Raser.

Es kann nicht schnell genug gehen. Erst die Lichthupe, dann dichtes Auffahren und schließlich, wenn alles nichts nützt, rechts überholen. Wildwest auf der Autobahn. Kam es so oder ähnlich zu dem tragischen Unfall, der kürzlich Gegenstand eines spektakulären Gerichtsverfahrens wegen fahrlässiger Tötung in zwei Fällen war?

Verkehrspsychologen der Deutschen Verkehrswacht haben versucht, die Motive der Raser zu analysieren. „Das Ergebnis ist für den angesprochenen Personenkreis wenig schmeichelhaft“, so Herbert Frank, der 1.Vorsitzende der Hockenheimer Verkehrswacht.

Man habe gleich mehrere „Typen“ von Rasern ermittelt. Die Geschwindigkeit als „Rauscherlebnis“ suchen Menschen, die sonst im Alltag wenig Lebensgenuss haben. Diese Fahrer verspüren bei der vermeintlichen Beherrschung des Fahrzeugs und der Geschwindigkeit ein Lust - oder gar Rauschgefühl.

Das Erleben von Macht ist ein weiteres Motiv und spielt bei einem zweiten Typus eine große Rolle. „Diese Menschen fühlen sich in ihrem Leben klein, aber mit einem schnellen Auto groß“ verdeutlicht es Vorstandsmitglied Manfred Fangerau, selbst langjähriger Fahrlehrer, und fügt hinzu: „Fährt einer für so jemanden zu langsam oder zu lange auf der linken Spur, erlebt er das als persönlichen Angriff“. Würde er sich das gefallen lassen, fühlte er sich wieder „klein“.

Überhaupt: Wer sich im Leben sonst unterlegen sieht, sucht hier eine soziale Kompensation. Um „Imponiergehabe“ und Selbstdarstellung geht es vor allem bei jüngeren Fahrern. Sie sehen in der Geschwindigkeitssteigerung eine sportliche Tugend. „Jeder will ein kleiner Schumi sein“, so Frank.

Die Fahrzeugklasse spielt im übrigen keine Rolle: ob kleiner Golf oder großer BMW, alle Klassen und Schichten sind betroffen. Schließlich wird von den Psychologen ein wachsendes Frustrations- und Aggressionspotenzial beobachtet.

Persönliche Probleme der Betroffenen, seien sie beruflich oder familiär, können sich aufstauen.

Dass derartige Motive auch zunehmend bei medizinisch-psychologischen Untersuchungen und bei Gericht aufgedeckt werden, stellt der 2.Vorsitzende, Rudolf Berger, fest: „Wer Ärger im Bauch spürt, macht diesem häufig auf dem Asphalt Luft“.

Vorstandsmitglied Klaus Zizmann, beruflich langjährig erfahren im Umgang mit uneinsichtigen Fahrern, verweist auf die bedenkliche Statistik: „2003 waren 7,1 Millionen Personen im Verkehrszentralregister eingetragen, fast 10 % mehr als im Jahr zuvor, 55% davon sind Tempoverstöße.“

Fast beschämend für das „starke Geschlecht“: 83 % der Eingetragenen sind Männer. Sicher spielen auch äußere Faktoren eine Rolle. Immer leistungsstärkere und perfektere Autos verleiten zum Gasgeben, während gleichzeitig der Verkehr in den letzten 30 Jahren um 30 % gestiegen ist.

Doch niemand kann sich damit entschuldigen: wer rast, gefährdet nicht nur sich selbst, sondern die Allgemeinheit.

Wie soll man sich gegenüber Rasern verhalten?
„Sich keinesfalls provozieren lassen“ lautet die Mahnung der Experten: In diesem Fall gibt bestimmt der Klügere nach. Raserei ist im übrigen keine Erscheinung der heutigen Zeit.

Vor vielen Jahren entzifferte man in einem Wirtshaus anlässlich von Renovierungsarbeiten folgenden Spruch: „Fahr nicht mit wilden Pferden durch das Weltgetümmel, lieber mal zu spät auf Erden als zu früh im Himmel“. Eine Mahnung, die gerade in Anbetracht der heutigen „Pferdestärken“ immer noch aktuell ist.

Wir wünschen Ihnen allzeit eine "Gute Fahrt"!

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 12. Februar 2009 um 02:09 Uhr